Das Oberhausener Manifest zum Neuen Deutschen Film (1962)

Digitale Filmklappe

INHALT

  1. Begriff
  2. Der Aufruf „Papas Kino ist tot !“
  3. Original-Text
  4. Ziele der Oberhausener Gruppe
  5. Auswirkungen und Entwicklung

Begriff

Die Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen gelten als das älteste Kurzfilmfestival der Welt. Sie finden seit 1954 jährlich statt und wurden 1990 in Internationale Westdeutsche Kurzfilmtage umbenannt.

Logo mit weißem Hintergrund und links vier blaue Rechtecke, die vom unteren Rand bis zum oberen Rand an Höhe verlieren, jedoch gleich breit bleiben, und daneben vertikal zentriert ein schwarzer Schriftzug in drei Zeilen mit „Internationale Kurzfilmtage Oberhausen“

Am 28. Februar 1962 verkündeten 26 junge, deutsche Filmemacher auf der Pressekonferenz der „8. Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen“ das Oberhausener Manifest zum „Neuen Deutschen Film“.

Zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests (englisch: Oberhausen Manifesto) zählten u.a. folgende junge Regisseure und Filmproduzenten:

Christian Doermer, Rob Houwer, Ferdinand Khittl, Alexander Kluge, Walter Krüttner, Hansjürgen Pohland, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Wolfgang Urchs und Herbert Vesely.

Das Oberhausener Manifest gilt als Meilenstein in der Entwicklung des west-deutschen Autorenkinos und wurde Anfang 1962 von der „DOC 59 – Gruppe für Filmgestaltung“ vorbereitet.

Die DOC 59 war ein gemeinnütziger Verein, der im April 1959 in München-Schwabing auf Initiative der jungen deutschen Filmemacher und Regisseure Ferdinand Khittl und Haro Senft gegründet wurde.

Für ihre herausragenden Verdienste um den deutschen Film erhielten die Filmemacher der Oberhausener Gruppe im Nachhinein den Ehrenpreis bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises im Jahr 1982.

Der Aufruf „Papas Kino ist tot“

Auf der Pressekonferenz der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage mit dem Titel “Papas Kino ist tot” erklärte die sog. Oberhausener Gruppe ihren Anspruch, “den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen”.

Ihren Abschied von gestern begründeten die jungen Filmemacher damit, dass viele ihrer Kurzfilme bereits internationale Filmpreise und Anerkennung in der internationalen Filmpresse erhalten hatten.

Der Erfolg ihrer Filme würde zeigen, so die Oberhausener Gruppe, „dass die Zukunft des deutschen Films bei denen liegt, die bewiesen haben, dass sie eine neue Sprache des Films sprechen“.

In ihrem Manifest erklärten sie, dass sie von der Produktion des neuen deutschen Films genaue geistige, formale und wirtschaftliche Vorstellungen hätten und gemeinsam wirtschaftliche Risiken tragen wollten.

Das Oberhausener Manifest schloß mit den Worten: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.”

Original-Text

Die folgende Grafik zeigt den Original-Text des Oberhausener Manifests zum „Neuen Deutschen Film“.

So wie ihn der deutsche Filmregisseur und Drehbuchautor Ferdinand Khittl am 28. Februar 1962 auf der Pressekonferenz der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen verlesen hat:

Der Text vom Oberhausener Manifest 28.02.1962: Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden. Dadurch hat der neue Film die Chance, lebendig zu werden. Deutsche Kurzfilme von jungen Autoren, Regisseuren und Produzenten erhielten in den letzten Jahren eine große Zahl von Preisen auf internationalen Festivals und fanden Anerkennung der internationalen Kritik. Diese Arbeiten und ihre Erfolge zeigen, daß die Zukunft des deutschen Films bei denen liegt, die bewiesen haben, daß sie eine neue Sprache des Films sprechen. Wie in anderen Ländern, so ist auch in Deutschland der Kurzfilm Schule und Experimentierfeld des Spielfilms geworden. Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen. Dieser neue Film braucht neue Freiheiten. Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen. Wir haben von der Produktion des neuen deutschen Films konkrete geistige, formale und wirtschaftliche Vorstellungen. Wir sind gemeinsam bereit, wirtschaftliche Risiken zu tragen. Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen. Oberhausen, 28.2.1962, Unterzeichner: Bodo Blüthner, Boris von Borresholm, Christian Doermer, Bernhard Dörries,
Heinz Furchner, Rob Houwer, Ferdinand Khittl, Alexander Kluge, Pitt Koch,
Walter Krüttner, Dieter Lemmel, Hans Loeper, Ronald Martini, Hansjürgen
Pohland, Raimund Ruehl, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Detten Schleiermacher, Fritz Schwennicke, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky, Wolfgang Urchs, Herbert Vesely, Wolf Wirth
Grafik: Der Text vom Oberhausener Manifest mit den unterzeichnenden, jungen deutschen Filmemachern

Ziele der Oberhausener Gruppe

Mit ihrer Forderung nach einem „Neuen Deutschen Film“ wollte die Oberhausener Gruppe der von ihr beklagten Einfallslosigkeit und dem Absinken des künstlerischen Niveaus westdeutscher Filmproduktionen begegnen.

Ferner sollten dem jungen Kino-Publikum neue und zeitgemäße Filminhalte angeboten werden, mit denen sie sich diese identifizieren können.

Neben der inhaltlichen Neuausrichtung von Kino-Filmen sollten sich künftig auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im „Neuen Deutschen Film“ nachhaltig verändern:

Die Oberhausener Gruppe wollte eine staatliche Filmförderung von Spielfilm-Produktionen bewirken, damit Filmemacher nicht länger aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, Kurzfilme zu drehen.

Denn einen Langfilm hatten bis dahin nur drei der Unterzeichner des Oberhausener Manifests gedreht:

Ferdinand Khittl 1962 mit „Parallelstraße“, Hansjürgen Pohland 1961 mit „Tobby“ und Herbert Vesely 1962 mit „Das Brot der frühen Jahre“.

Das Oberhausener Manifest entstand vor dem Hintergrund rückläufiger Besucherzahlen in westdeutschen Kinos und dem Rückgang der westdeutschen Filmwirtschaft durch das aufkommende Fernsehen, an welches das Kino v.a. älteres Publikum verlor.

Um diese Entwicklung aufzuhalten, sollte sich nach Ansicht der Unterzeichner des Oberhausener Manifests im „Neuen Deutschen Film“ folgendes für junge Filmemacher in West-Deutschland ändern:

  • Kommerzielle Überlegungen des Produzenten als Hauptentscheider und die Bevormundung durch branchentypische Interessengruppen (z.B. Filmverleihfirmen) sollen keine Rolle mehr spielen.

  • Der neue, deutsche Film soll sich thematisch unterscheiden von den bisher die Kinowelt beherrschenden Unterhaltungsfilmen wie Heimatfilme, Komödien, Schlagerfilme oder Abenteuer- und Kriminalfilme (z.B. basierend auf Romanen von Karl May oder Edgar Wallace).

  • Es wird ein neuer, gesellschaftskritischer Autorenfilm begründet, bei dem ein Filmemacher zugleich Regisseur, maßgeblicher Autor und möglichst auch Produzent ist.

Der „Neue Deutsche Film“ brauche also, so die Oberhausener Gruppe, neue Freiheiten:

  • Freiheit von den branchenüblichen Konventionen

  • Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner und

  • Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen.

Auswirkungen und Entwicklung

Als Folge des Oberhausener Manifests 1962 und der weiter anhaltenden Krise in der deutschen Filmindustrie änderten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Neuen Deutschen Film:

Am 6. März 1968 wurde in West-Berlin die Filmförderungsanstalt (FFA) gegründet als Folge des am 1. Januar 1968 in Kraft getretenen neuen Filmförderungsgesetzes.

Durch diese Subvention des westdeutschen Films verwirklichte sich eines der Ziele der Oberhausener Gruppe: Filmemacher waren nicht länger aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Kurzfilme zu drehen.

Als weitere Auswirkungen auf die Filmwelt gab es in West-Deutschland die folgende Entwicklung:

  • Neue Regisseure befürworten den Autorenfilm der Oberhausener Gruppe

  • In München-Schwabing bildet sich ab 1964 die „Neue Münchner Gruppe“

Weitere Regisseure bereichern den Autorenfilm

Die Idee von einem Autorenfilm im Neuen Deutschen Film wurde nicht nur durch die jungen Filmemacher und Regisseure der Oberhausener Gruppe umgesetzt und geprägt.

Als Folge des Oberhausener Manifests schlossen sich weitere Regisseure der Idee eines Autorenfilms an. Sie belebten das Autorenkino und viele von ihnen schrieben mit ihren Werken deutsche Filmgeschichte:

Rainer Werner Fassbinder, Peter Fleischmann, Reinhard Hauff, Werner Herzog, Wolfgang Petersen, Volker Schlöndorff, Bernhard Sinkel, Jean-Marie Straub, Hans-Jürgen Syberberg, Michael Verhoeven und Wim Wenders, um nur einige zu nennen.

Entstehung der Neuen Münchner Gruppe

Etwa zwei Jahre nach dem Oberhausener Manifest bildete sich in München-Schwabing die >> Neue Münchner Gruppe, die parallel zum „Neuen Deutschen Film“ etwa von 1964 bis 1972 existierte.

Die „Neue Münchner Gruppe“ war ein loser Zusammenschluss junger deutscher Filmemacher, die alle in München-Schwabing wohnten und verkehrten.

Sie verfolgten nur teilweise die Ziele der Unterzeichner des Oberhausener Manifests und hatten v.a. nicht deren strenge, intellektuelle Ausrichtung bei der Realisierung ihrer Autorenfilme.

Bestes Beispiel dürfte die unbeschwert heitere und beschwingte Film-Komödie „Zur Sache Schätzchen“ sein, die am 4. Januar 1968 im Lenbach-Kino in München uraufgeführt und ein Millionenerfolg wurde.

In der Darsteller-Besetzung mit Werner Enke, Uschi Glas, Henry van Lyck, Rainer Basedow u.a. wurde die Komödie von der jungen Regisseurin May Spils in München und Umgebung gedreht.

„Zur Sache Schätzchen“ zeigte im parallel existierenden „Neuen Deutschen Film“ auf, dass Komödien und Comedy nicht zu den typischen Genres der jungen Produzenten der Oberhausener Gruppe zählten.

2013 wurde „Zur Sache Schätzchen“ digital restauriert und als Stream, DVD und Blu-ray veröffentlicht. Den original Kino-Trailer in HD des Spielfilms „Zur Sache Schätzchen“ gibt es bei Youtube:

>> Trailer von „Zur Sache Schätzchen“

Titelbild vom Trailer zum Kino-Film „Zur Sache Schätzchen"
Titelbild vom Trailer zum Kino-Film „Zur Sache Schätzchen“

Auch der erfolgreiche Film „Nicht fummeln Liebling !“ war eine Komödie und ein Autorenfilm. Er wurde in München und Umgebung von der Regisseurin May Spils gedreht und am 9. Januar 1970 uraufgeführt.

Die zweite Film-Komödie in der Zeit des „Neuen Deutschen Film“ entstand in der Besetzung mit den Schauspielern Werner Enke, Gila von Weitershausen, Henry van Lyck, Benno Hoffmann, Otto Sander u.a.

2018 wurde der Film „Nicht fummeln Liebling !“ digital restauriert und als DVD veröffentlicht. Der Kino-Trailer in HD des Spielfilms „Nicht fummeln Liebling !“ kann bei Youtube abgerufen werden:

>> Trailer von „Nicht fummeln Liebling !“

Titelbild vom Trailer zum Kino-Film „Nicht fummeln Liebling !"
Titelbild vom Trailer zum Kino-Film „Nicht fummeln Liebling !“